1772-1947

Von der Seehandlungs-Societät bis zum Ende der Preußischen Staatsbank (Seehandlung) 1772-1947

Der Name der Stiftung geht zurück auf ein von Friedrich dem Großen gegründetes Institut, dessen Geschichte hier kurz skizziert wird.

Die ersten beiden Jahrzehnte der Regierung Friedrichs II. waren geprägt durch die drei Schlesischen Kriege, die 1763 mit dem Siebenjährigen Krieg zu Ende gingen. Die Kriege hinterließen ein verwüstetes Land und stürzten Preußens Wirtschaft in einen katastrophalen Zustand. Dieser Misere begegnete der Monarch mit einem wirtschaftspolitischen Konzept, das ein prosperierendes Brandenburg-Preußen mit ausgebauter ökonomischer Infrastruktur und florierendem Handel zum Ziel hatte, einen Staat, der in ökonomischer Hinsicht mit den anderen europäischen Mächten Schritt halten konnte. Staatliche Anschubfinanzierung sollte die Entwicklung von Handel und Gewerbe beschleunigen. Um „die Commerzien zu beleben“, gründete Friedrich II. eine Aktiengesellschaft mit dem König als Mehrheitsaktionär. An diesem ‚Etablissement‘ konnten sich ‚Untertanen‘ aber auch ‚Fremde‘ durch den Erwerb von Aktien beteiligen.
Im Gründungspatent der Seehandlungs-Societät vom 14. Oktober 1772 heißt es:

Indem Wir unablässig bemühet sind, für das Glück und den Wohlstand Unserer Unterthanen zu sorgen, so bemerken Wir, wie vorteilhaft es ihnen sein würde, unmittelbar und unter Unserer Flagge von Unseren Häfen, die Häfen von Spanien und alle anderen Plätze zu beschiffen, wo sich vernünftige und sichere Aussichten zu einem tüchtigen Gewinn von Aus- und Einfuhre für Unsere Staaten vorfinden möchten.

Um die auf diesem Wege angestrebte Mehrung der Staatsfinanzen abzusichern, stattete man die Seehandlung mit zwei wichtigen Privilegien aus. Sie erhielt das Monopol zur Einfuhr von Salz aus Spanien, Portugal und Frankreich sowie das Ankaufsrecht für alles Wachs, das in der Zone von 10 Meilen rechts und links der Weichsel erzeugt wurde. Mithin profitierte die Seehandlung vom Handel mit zwei unentbehrlichen Gütern. Salz war damals das Hauptkonservierungsmittel. Wachs kam als Ausgangsstoff zur Herstellung von Kerzen, dem gängigsten Beleuchtungsmittel, eine herausragende Bedeutung zu. Die Schiffe der Seehandlung durften zu ihrem Schutz bewaffnet sein und in der Flagge das preußische Wappen führen.
Die allmählich einsetzende wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung führte zu einer Belebung des Geldmarktes. Nach dem Tod Friedrichs II. im Jahr 1786 sorgte sein Nachfolger, Friedrich Wilhelm II., für eine Erweiterung des Patents der Seehandlung, es kamen Geldmarktgeschäfte hinzu und das Recht, in Industrieunternehmen zu investieren.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte die Seehandlung vor allem die Schulden des Preußischen Staates zu verwalten. Infolge der Befreiungskriege (1813-1815) stiegen die finanziellen Aufwendungen des Staates und damit sein Kreditbedarf. 1820 erklärte eine Kabinettsordre die zwischenzeitlich ministerieller Aufsicht unterstehende Seehandlung schließlich zum unabhängigen Geld- und Handelsinstitut des Staates. Die Leitung dieses Instituts übertrug Friedrich Wilhelm III. Christian Rother, der zuvor als Geheimer Oberrechnungsrat in Staatsdiensten stand. Mit Rother, einem Bauernsohn aus Niederschlesien, gelangte eine neue Schicht an die Schaltstellen wirtschaftlicher Macht. Die Zeit seiner Präsidentschaft (1820-1848) gilt als die bedeutendste in der Geschichte der Seehandlung. Es festigte sich nicht nur die Stellung der Seehandlung als Staatsbankhaus, sie investierte auch verstärkt in Unternehmen, beteiligte sich maßgeblich am Bau von Produktionsstätten und beförderte in beträchtlichem Umfang den Chausseebau, den Eisenbahnbau und die Dampfschifffahrt auf Spree, Havel und Elbe. Anfang der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts galt die Seehandlung als der größte Arbeitgeber in Preußen. Durch die vielfältigen unternehmerischen Initiativen gingen von der Seehandlung entscheidende Impulse für die Industrialisierung Preußens aus. Bemerkenswert waren in diesem Zusammenhang auch die Leistungen der Seehandlung im sozialen Bereich. In ihren Fabriken installierte sie Einrichtungen wie Kranken- und Invalidenkassen. Diese und weitere Maßnahmen (unentgeltliche Suppenmahlzeiten, Prämienzahlung, die Gründung von Gewerbeschulen) sollten „die Lage der arbeitenden Klassen nicht bloß materiell, sondern auch in sittlicher Beziehung verbessern“ (Christian Rother). Zukunftsweisend ist auch der Entschluss der Seehandlung, in die Grundlagenforschung zu investieren. In den Diensten der Seehandlung stand als technischer Leiter der Chemischen-Produkten-Fabrik in Oranienburg der Professor Friedlieb Ferdinand Runge (1794-1867), mit dessen Namen eine Vielzahl von Entdeckungen und Erfindungen verbunden ist. (Zum Beispiel gelang ihm als ersten die Isolierung des Anilins aus Steinkohleteer, was für die Entwicklung der Teerfarbstoffchemie von bahnbrechender Bedeutung werden sollte. Der Chemiker Runge ging auch in die Annalen der Kunstgeschichte ein: Mit seinem Buch „Der Bildungstrieb der Stoffe, veranschaulicht in selbständig gewachsenen Bildern“ – Oranienburg 1855 – hinterließ er ein erstaunliches künstlerisches Zeugnis, das nicht nur in seiner Zeit einmalig ist.)

Mit der Ära Rother und seinem Industrialisierungsprogramm hatte das in staatlichem Interesse stehende unternehmerische Engagement der Seehandlung seinen Höhepunkt erreicht. Nach dem Tode Friedrich Wilhelms III. im Jahr 1840 geriet das Institut zunehmend in die Kritik, die öffentlich und polemisch geführt wurde. Besonders die Aktivitäten des Staates im industriellen Bereich verfolgten bürgerlich-liberale Kreise mit Skepsis und wachsendem Unmut. Weil das wirtschaftlich erstarkende Bürgertum gegen Mitte des Jahrzehnts zunehmend politischen Einfluss erlangte, entschloss sich Friedrich Wilhelm IV., 1845 per Kabinettsorder der Seehandlung weiteres wirtschaftliches Engagement zu untersagen. Im April 1848, Christian Rother war inzwischen zurückgetreten, wurde, ebenfalls durch Kabinettsorder, die ministerielle Unabhängigkeit der Seehandlung aufgehoben und das Institut erneut der Weisungsbefugnis des Finanzministers unterstellt. In den Folgejahren verkaufte man die meisten eigenen Unternehmen. Die Tätigkeit des Instituts beschränkte sich von nun an auf das reine Bankgeschäft für den Staat. Seit 1904 hieß die Einrichtung „Königliche Seehandlung (Preußische Staatsbank)“. 1918 wurde das Eigenkapital der Seehandlung auf 160 Millionen Mark erhöht und sein Name der eigentlichen Tätigkeit des Instituts angepasst: „Preußische Staatsbank (Seehandlung)“.

1930 erklärte der Preußische Landtag per Gesetz das nunmehr als „Preußische Staatsbank (Seehandlung)“ firmierende Institut zu einer rechtsfähigen Anstalt öffentlichen Rechts mit eigenem Vermögen. Für ihre Verbindlichkeiten haftete der Staat unbeschränkt.

1947 – mit der Auflösung des Preußischen Staates durch Beschluss des Alliierten Kontrollrates – verlor auch die Preußische Staatsbank ihre Existenzberechtigung.

Weiterführende Literatur: Wolfgang Radtke, Die Preußische Seehandlung, in: Stiftung Preußische Seehandlung 1983-2003, Berlin 2003. (zu beziehen über die Geschäftsstelle der Stiftung)

Dokumente und Archivalien zur historischen Preußischen Seehandlung werden im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz aufbewahrt.

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Gründungspatent der Seehandlungs-Gesellschaft vom 14.Oktober 1772 ©Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz


Gendarmenmarkt in Berlin um 1835 rechts: die Königliche Seehandlung ©bpk


Christian von Rother (1778-1849), Chef der Seehandlung 1820-1848 ©GStA PK, IX.HA SPAE, III Nr. 2970


Seehandlungsgebäude am Gendarmenmarkt um 1906
©GStA PK, IX. HA SPAE, III Nr. 2970

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